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Genreservate und Biodiversität auch für Honigbienen.

Beim Halbwildtier Biene müssen die Zuchtziele Vitalität und die Krankheitsresistenz allen zusätzlichen Zielen vorangehen. Nachhaltige imkerliche Selektion der Honigbienen in Kulturlandschaften orientiert ihre wesentlichen Zuchtziele des weiteren zwangsläufig an eben dieser sich ändernden Kulturlandschaft. Sie muss genau dies tun, um erfolgreich zu sein. Zuchtarbeit entfernt die jeweiligen Populationen logischerweise genetisch von ihrem Ausgangspunkt hin zu den jeweiligen Zuchtzielen. In Kulturlandschaften ähnelt sich das Umfeld weltweit zunehmend - und in Folge die Mehrzahl der Zuchtziele. Genau hierdurch leidet die einstige genetische Vielfalt der Bienenherkünfte. Wenn heute nun gezielt bestimmten Zuchtstämmen der einstigen europäischen Bienenherkünfte mit dem Begriff „Naturrasse" eine besondere Urigkeit suggeriert wird, müssen angesichts der in der Praxis erzielten Ergebnisse und angesichts der massiven Verluste Zweifel erlaubt sein. Mit den einstigen Naturrassen der jeweiligen europäischen Länder könnte man in weiten Teilen unserer Kulturlandschaften keinen Honig ernten. Auch das äußere Erscheinungsbild, sowohl oft als Zeugnis für Rassenzugehörigkeit wie für Qualität aufgerufen, kann einer halbwegs kritischen Betrachtung über die Jahrzehnte nicht standhalten, ganz abgesehen davon, dass es in der Natur nie eine Rolle spielte. Unter völliger Missachtung dieser Gegebenheiten sowie der Tatsache regen Bienenhandels, Import und Export über ein Jahrhundert lang, wurde kürzlich in Österreich (Kärnten) unter tatkräftigem Mitwirken deutscher Wissenschaftler ein neues Landesrassengesetz erlassen, dies unter dem Vorwand des Erhalts besonderer Genresourcen. Gegen den erklärten Willen der ortsansässigen Berufsimkerschaft steht erneut nicht die Vitalität und Krankheitsfestigkeit aller vorhandenen guten Honigbienenstämme sondern die „Reinheit der Rasse" im Vordergrund. Der Begriff „natürliche" oder „naturnahe" Population wird emotional gebraucht und klar missbraucht für zweifelhafte Zwecke. Dem Erhalt wertvoller Genresourcen wird so jedenfalls erneut und definitiv nicht nachgekommen. Logischerweise ginge es hier um

eine Renaturierung einstiger geographischer Rassen.

Die entwicklungsgeschichtlich rezentere Wiege der Honigbiene liegt in Afrika, dem gesamten Mittelmeerraum, dem Balkan sowie dem westlichen Asien. In diesen jeweiligen Ursprungsländern, eventuell zusätzlich dem nordöstlichen Europa, könnten und sollten tatsächlich Reservate eingerichtet werden: Natürlich abgegrenzte und gleichzeitig gut überschaubare Gebiete, welche naturgegeben nur ein Minimum an Landwirtschaft gestatten, sind in etlichen Ländern mit interessanten Bienenpopulationen vorhanden. Hier könnte in Reservaten mit einem Minimum imkerlicher Betriebsweise und sonstiger menschlicher Einwirkung eine weitgehend natürliche Selektion stattfinden, könnten von Natur aus also Populationen geformt, - oder richtiger -  zurückgeformt werden. Für derartige Projekte sind weder geschützte Ländergrenzen noch ist die Blockade riesiger Trachtgebiete notwendig. Vielmehr ginge es um gut entschädigtes Miteinander mit der jeweiligen Imkerbasis, vor Allem der Imkerbasis, welche sich unter Ertragseinbußen derartiger Arbeit hingeben würde. Fachkundiger Realismus und das nötige Gefühl für Bienen und deren Bedürfnisse bei der begleitenden Wissenschaft wären ebenso vonnöten. Eine reizende und sinnvolle Aufgabe für die Wissenschaft und Praxis wäre es allemal.


Paul Jungels

Februar 2008